Dumm, dummdreist


Wir leben im Zeitalter des postfaktischen Qualitätsjournalismus

Jens Berger hinterleuchtet die angebliche „Destabilisierungskampagne“ Russlands und fühlt sich an die McCarthy-Ära erinnert.

Zitat:

Haltet den Dieb!

Wer sich ernsthaft mit der Thematik auseinandersetzt, müsste dabei zudem erst einmal die Grundannahme überprüfen, die im „Narrativ“ von Russlands vermeintlicher „Destabilisierungskampagne“ steckt. Warum sollte Russland eigentlich ein Interesse daran haben, dass Deutschland oder die EU destabilisiert werden? Russlands Wirtschaft hat ein großes Interesse an einem Zugang zu den westlichen Märkten. Denn langfristig als bloßer Rohstofflieferant und Absatzmarkt für China zu fungieren, wäre für Russland ein Albtraum. Selbstverständlich hat Russland auch außen- und sicherheitspolitische Interessen – nicht nur in Europa. Spätestens seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion geht es für Russland jedoch primär darum, regionale Hegemonialansprüche zu verteidigen und Sicherheitsgarantien des in die eigene Interessensphäre expandierenden US-Imperiums zu bekommen. Alleine schon deshalb hat Russland ein großes Interesse an Kontinuität und Stabilität.

Ein großes Interesse an Destabilisierung haben vielmehr die USA und ihre Juniorpartner des „Wertewestens“. Wer hat denn seit dem Zusammenbruch des bipolaren Systems in allen Gegenden der Welt Regimewechsel betrieben und mit seiner Außen-, Sicherheits- und Geheimdienstpolitik ehemals stabile Staaten ins Chaos gestürzt? Waren es die Russen, die im Nahen und Mittleren Osten den Geist des islamistischen Fundamentalismus aus der Flasche gelassen haben? Hat Russland ohne UN-Mandat aus dem ehemals stabilen Irak ein machtpolitisches Vakuum gemacht? Hat Russland die Balkankriege angefeuert und eine europäische Hauptstadt bombardiert? Waren es die Russen, die den arabischen Frühling angezettelt und in Syrien mit Waffengewalt die Regierung stürzen wollten?

Der Westen wirft Russland paradoxerweise genau das vor, was er selbst vorexerziert. Geradezu gespenstisch ist jedoch, dass die angeblich ach so freien und unabhängigen Medien sich dafür einspannen lassen. Das „unkommentierte“ Abdrucken von Agenturmeldungen gehört genauso dazu wie der Verzicht auf jedwedes kritische Nachfragen. Stattdessen wird immer wieder die gleiche Geschichte wie ein Mantra gebetsmühlenartig wiederholt – direkt oder indirekt durch Politiker, verteilt über das gesamte klassische publizistische Spektrum.

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