Unsere Lebensform ist nicht fortsetzbar und am Ende


“Die Pandemie ist wie ein Testlauf, eine Einübung des Umdenkens.” – “Das Ruhrgebiet als Emblem des Aufbruchs und des Abbruchs des fossilen Kapitalismus führt uns vor Augen, mit welcher Wucht vormals selbstverständliche Grundlagen einer Lebensform fraglich und brüchig werden können.”
Wolfram Eilenberger
IM ZEIT-Interview

Zitat:

Eilenberger: Die Entwurzelung ist dort eine mindestens dreifaltige. Zu der Entwurzelung der Geflohenen und Vertriebenen, oft ehemalige Landarbeiter, die in den Zechen des Ruhrgebiets neu anfangen, tritt zweitens hinzu, dass sie durch die extreme Art der Arbeit “unter Tage” auch in ihren Tätigkeiten und Sinnvermögen entwurzelt wurden. Aus Anbauen wurde Abbauen, aus Säen wurde einmaliges Abernten. Auf diese Weise haben sie, drittens, die Entwurzelung der Natur und ihrer traditionellen Landschaften betrieben. Vor Kurzem erst dann tritt die Erfahrung hinzu, dieser Lebensform durch die Stilllegung der Industrie wieder entrissen zu werden und erneut die eigenen Wurzeln zu verlieren. Das Mark der Selbstbeschreibung, die Achtung und Selbstachtung ist dahin. Simone Weil hat die Begriffe des “Schlafens” und “Schlafgebiets” verwendet, um zu beschreiben, was passiert, wenn Menschen begreifen, am absoluten Ende ihrer einstmals sinntragenden Gewohnheiten und Traditionen angelangt zu sein, ohne zu wissen, was kommt. Die Bergleute haben diesen Begriff für sich selbst aufgenommen, womöglich hat Heinrich Böll mit seinen Texten über das Ruhrgebiet dabei eine Vermittlungsrolle gespielt, der ja ein großer Leser Simone Weils war.

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