Kultur der Nachhaltigkeit (2.Teil)
Sozial gerecht - ökologisch tragfähig - wirtschaften für das Leben - Die Stadt ist wie der Mensch ein lebender Organismus. Der Mensch strebt nach sozialer Sicherheit als Voraussetzung für ein würdevolles Leben in Freiheit. Er strebt nach Harmonie mit seiner Um- und Mitwelt. Auch eine lebendige, vitale Stadt erkennt man an diesem Dreiklang. Wenn für das menschliche Leben erfolgreich gewirtschaftet wird, wenn es in den Stadtquartieren sozial gerecht zugeht und wenn bei der Stadtentwicklung die natürlichen Ressourcen mehr vernünftig ge- als leichtfertig verbraucht und damit geschützt werden, dann findet das Nachhaltigkeitsgebot spielerisch Eingang in den Alltag der Menschen.Das unabdingbare Zusammenspiel zwischen Ökologie, Ökonomie und Sozialem schafft eine solidarische Bürgergemeinschaft, die sich in dynamischer Balance zwischen Heute und Morgen, Jugend und Alter, Arbeit, Bildung und Freizeit in freiwilliger Selbstverständigung und -genügsamkeit bewegt. Eine solche Stadtgesellschaft grenzt niemanden aus, ist ein Quell von Kreativität und Innovation, sucht neue Wege einer für alle Seiten gelingenden Kooperation.
I. Soziale Nachhaltigkeit im Rampenlicht
In Stadtverwaltung, Politik und Bürgerschaft sozial nachhaltig handeln heißt:
Nicht nur gesetzeskonform zu agieren, sondern darüber hinaus mehr in die Mitglieder der Stadtverwaltung und in die Bürger zu investieren. Sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sie wertzuschätzen und dementsprechend zu behandeln. Um soziale Nachhaltigkeit wirklich umfassend umzusetzen, ist es wichtig, dass sich Verwaltung und Politik nach innen und außen öffnen und die Interessen aller Betroffenen im Hinblick auf eine zukunftsbeständige Stadtentwicklung abwägen
und bei der Entscheidungsfindung berücksichtigen.
Es geht also um das Miteinander in der Politik, in der Verwaltung, um die Beziehungen zu den Bürgern und Bürgerinitiativen ebenso wie um die Verantwortung für die Stadtgesellschaft als Ganzes. Hinhörende, sich ergänzende und entwickelnde Kommunikation, wohlwollende Verständigung und zukunftsgewandte Kooperation sind daher - über Hierarchie-, Ämter- und Parteigrenzen hinaus - ein besonders bedeutende Faktoren. Transparenz ist das A und O. Gut aufbereitete und verständliche Informationen über das dynamische Zusammenspiel der drei Dimensionen der Nachhaltigkeit stehen im Zentrum der gemeinsamen bürgerschaftlichen Arbeit. Auch die Firmen sind als "gute Bürger" (good citizens) Teil dieses kommunalen Netzwerkes und leben Beispiel gebend für andere ihre soziale Verantwortung (CSR) vor: Tue Gutes und rede darüber!
Nur so kann der Prozess einer Kultur der Nachhaltigkeit erfolgreich in die Wege geleitet werden. Hierbei kann an die positiven Ansätze im Regensburg-Plan 2005 angeknüpft werden. Regelmäßige Informationen und Diskurse über die umgesetzten Einzelschritte und erreichten Teilziele (Audits und Reporting) sind aber unerlässlich (Jährliche Bürgerkonferenz) und einzuführen.
Seit der Wiedervereinigung liegt Regensburg wieder im Zentrum Europas. Es hat sich zu einem
erfolgreichen Wirtschaftsstandort entwickelt. Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten. So ist der
Bevölkerungsanteil der Sozialhilfeempfänger und Langzeitarbeitslosen überdurchschnittlich hoch.
Ebenso nimmt der Bevölkerungsanteil der Menschen mit Migrationshintergrund und ausländischer Mitbürger/innen zu (Verteilungsgerechtigkeit). Für die Jungen ist das Fehlen ausreichend vieler, guter Ausbildungsplätze ein demotivierender Angstfaktor, der sie aus der Mitte der Gesellschaft treibt. Auch deuten demografische Prognosen darauf hin, dass in Zukunft der Bevölkerungsanteil der Älteren ("Best-Ager") erheblich ansteigen wird (Generationengerechtigkeit).
Wie hat eine der Nachhaltigkeit verpflichtete Stadtentwicklung verantwortlich darauf zu reagieren? Oder besser: vorausschauend zu agieren? Was sind die Bedürfnisse und Wünsche der Betroffenen? Wie kann gemeinsam - noch mehr - Hilfe zur Selbsthilfe (Empowerment) entwickelt werden? Wie können diese Mitbürger/innen zu Beteiligten gemacht werden, damit ihnen in Freiheit und Würde ein gutes Leben in der Gemeinschaft gelingt?
Wie können in der Gemeinschaft (Community) diese Fragen beantwortet werden? Wie können die
fälligen Antworten gegeben, organisiert werden? Für die zukunftsbeständige Entwicklung der unterschiedlichen Stadtquartiere bietet sich die bürgerschaftliche Methode von COMMUNITY ORGANIZING (nach Saul D. Alinsky) an. Hierbei geht es darum, wieder mehr Gestaltungskraft
in die gemeinsamen Hände der Bürger (zurück) zu legen (Nachhaltige Bürgerkommune). Sie sind die Fachleute ihres Quartiers; ihr Wissen und ihre Erfahrung gilt es zu vernetzen, um stabile Gemeinschaften aufzubauen, die integrieren und nicht ausgrenzen. So könnten schrittweise in den Regensburger Stadtteilen je Quartiersentwicklungen initiiert werden, die den Menschen im Auge haben und der zunehmenden Spaltung unserer Gesellschaft (Globalisierungsgewinner / -verlierer) solidarisch entgegenwirken.
Veränderungen in der Gesellschaft vollziehen sich "von unten". Engagierte Bürger, die sich auf ein
gemeinsames (Zwischen) Ziel geeinigt haben und daran gemeinsam arbeiten, verändern erfolgreich
ihre Community und schaffen in kreativer und innovativer Weise neue (soziale) Sicherheit, Mut machendes (Zusammen)Leben. Der Anfang liegt im eigenen Stadtquartier: Es kommt darauf an, Freunde, Familien, Kollegen und Nachbarn anzusprechen und zu gewinnen; sich mit dem eigenen Umfeld zu identifizieren und für das Gemeinwohl einzusetzen. Dieser gesellschaftliche Entwicklungsprozess hin zu einer nachhaltigen Bürgerkommune ist Aufgabe und Ziel zugleich. Wir wissen: Diese schwierige und komplexe Aufgabe können wir nur gemeinsam meistern (Kommunales WIR)
II. Städtischer Klimaschutz geht jedeN an
Bereits seit den Aussagen der Weltenergiekonferenz von 1989 wissen wir, dass die CO2-Emissionen bis 2040 um mindestens 50 Prozent gegenüber 1990 gesenkt werden müssen. Seit der UN-Konferenz
für Umwelt und Entwicklung in Rio im Jahre 1992 wissen wir, dass wir vorort selber handeln müssen
(Stichwort: Lokale Agenda 21). Zu wenig ist geschehen. Das belegt die Tatsache, dass jüngst die Erreichung der im Klimabündnis verabredeten Ziele der Emissionsminderung durch Stadtverwaltung und Politik weit in die Zukunft, also in die Verantwortung der nächsten Generation verschoben wurde. Dieser Beschluss muss rückgängig gemacht werden. Wir können uns eine solche "Schiebe-Praxis" nicht länger leisten - sie ist verantwortungslos.
Der Massenkonsum, die Explosion des Ressourcenverbrauchs und der Naturbelastung haben unsere Spezies an den Scheideweg geführt: "Wir sind mit der ganz realen Perspektive unseres eigenen Aussterbens konfrontiert" (Jeremy Rifkin, Berater vieler Regierungen). Zu fragen ist, führt der merkliche Klimawandel in die Klimakatastrophe oder zu deren Abwendung? Was können wir, ein jedeR, selber tun, um die Emission klimarelevanter Gase zu vermindern und am Ende gar zu verhindern?
Ich plädiere für die Aufstellung eines gemeinsam zu entwickelten lokalen Aktionsprogrammes, das
generationsübergreifend fortzuschreiben ist. So wie seinerzeit beim Bau des Domes. Ziel mag es sein, die
Zukunftsfähigkeit der Stadt Regensburg u.a. dadurch zu sichern, dass innert einer (zwei?) Generation(en) der Ausstoß von schädlichen Klimagasen bei Null liegt (ZERO EMISSION). Das jüngst geschlossene "Bündnis energieautarkes Ostbayern" (BEO) kann ein erster Schritt zu einer langfristigen und dauerhaften und damit nachhaltigen Stadtentwicklung sein.
Zu einem solchen Programm mag die Schaffung eines lokalen Rates für nachhaltige Stadtentwicklung
gehören (nachhaltigkeitsrat.de). Ihm obläge (vgl. Gestaltungsbeirat) u.a. die Aufgabe, bei nicht unerheblichen städtischen Entwicklungsprojekten ( Brücken- und Straßenbau, Gewerbe- und Wohnungsbau, Eingriffe in das Fürstenschloss usw usf) eine Art Technikfolgen-Abschätzung durchzuführen. Es ginge also um die Schaffung eines lokalen Instruments der Nachhaltigkeitbewertung wie es beim Deutschen Bundestag bereits existiert (Büro der Technikfolgen-Abschätzung). Ein solches bayerisches Pilotprojekt würde das inter- und intradisziplinäre Band zwischen Stadt und Universität stärken und ausbauen.
Die gegenwärtige (2007/2008) gesellschaftliche Auseinandersetzung um den Bau der Sallerner Regenbrücke und Osttangente machen die Notwendigkeit derartiger vorausschauender, präventiver Instrumentarien deutlich. Gleichzeitig rückt die Anwendung des neu erstellten Leitfadens der Bürgerbeteiligung in den Mittelpunkt einer solcher Entwicklung: Immer wird es darum gehen, unser Bild zu schärfen für die unterschiedlichen Nachhaltigkeitsziele (Ökologie, Soziales,Ökonomie) und gemeinsam darum zu ringen, wie sie in eine dynamische Balance zu bringen sind. Anzustreben sind dabei Win-Win-Win-Strategien und -situationen und das gemeinsame Bemühen, bestehende Spannungen zwischen den einzelnen Dimensionen der Nachhaltigkeit möglichst produktiv nutzbar zu machen.
In das lokale Null-Emissions-Aktionsprogramm wären z.B. aufzunehmen lokale (regionale?) Verabredungen und Regeln, die zum Ziel haben:
- Reduzierung von Feinstaub und Lärm
- Dämmung von Häusern
- Vorrang für Verkehrsstrukturen, die den Rad- und Fußgängerverkehr fördern
- Moderner Ausbau des ÖPNV (kostenfreie Benutzung?)
- Historische Altstadt als Klimaschutzzone
- Effiziente, dezentrale Bereitsstellung von Strom und Wärme aus erneuerbaren Energien
- Energieeinsparungen via Bewusstseinswandel
- Lebensmittel: Obst und Gmias aus der Region
- Energetische Sanierung kommunaler Gebäude
- Lärmsanierung an Schienenwegen
- Betriebliche Gesundheitsförderung, Gesundheitsprävention, Bewegung, Ernährung
- Mit dem Rad zur Arbeit, zu Fuß zur Schule
- Lernen, Praktizieren, Aus- und Fortbilden in nachhaltiger Entwicklung,
- Einüben von Methoden der Bürgerbeteiligung, Konfliktfähigkeit und vernetzten Kooperation
- Bau des Bildungs- und Begegnungszentrums (BBZ) am Donaumarkt
- usw usf.
Ein globaler Klimaschutz wird nur gelingen, wenn er als lokaler Feldversuch Erfolg hat. Der Weltkulturerbe-Stadt Regensburg stünde es als Multiplikatorin gut zu Gesicht, insoweit mit bestem Beispiel voranzugehen. Regensburg braucht Kümmerer für den lokalen Klimaschutz! Für BEST PRACTISE in nachhaltiger Stadtentwicklung, die in den Alltag der Bürgerinnen und Bürger freiwilligen, dauerhaften und selbstverständlichen Eingang findet.
"Angesichts der Klimaveränderungen, die uns heute schon treffen, ist Klimaschutz für Städte und Gemeinden nur noch formal eine freiwillige Selbstverpflichtung - de facto ist er bereits Pflichtaufgabe geworden. Wenn wir die Vorsorge für die Gesundheit unserer Bürgerinnen und Bürger, für die Entwicklung der Wirtschaft in unseren Regionen und den Erhalt der kulturellen und baulichen Substanz unserer Städte ernst nehmen, muss der Schutz des Weltklimas täglich in unsere Entscheidungen eingehen. So wächst in allen Ländern Europas die Bereitschaft, sich auf lokaler Ebene dieser Aufgabe zu stellen. Das Klima-Bündnis ist der lebende Beweis dafür."
Joachim Lorenz, Referent für Gesundheit und Umwelt der Landeshauptstadt München und
Vorsitzender des Klima-Bündnis / Alianza del Clima e.V. (www.klimabuendnis.org)
Das Handeln - vieler - Einzelner ist notwendig, um unseren gewählten Repräsentanten Anstoß und Vorbild zu sein. Wir müssen uns zusammenschließen und die lokale wie globale Herausforderung annehmen. Um es mit Al Gore zu sagen: "Alle Kinder dieser Welt haben das Recht, von uns höhere Anstrengungen zu verlangen, wenn ihre Zukunft - ja, die Zukunft der gesamten menschlichen Zivilisation - in der Waagschale liegt."
III. Wirtschaften für das Leben
Die Wirtschaft ist für den Menschen da. Dieser Grundsatz scheint heute auf dem Kopf zu stehen.
Der Mensch, seine Arbeitskraft, wird als Ware gehandelt. Weltweit. Auch zunehmend in den entwickelten Ländern des Nordens, auch in Regensburg.
Wir leben in Zeiten des Raubtierkapitalismus (Helmut Schmidt), der gekennzeichnet ist durch das ungehinderte Spiel der Kräfte des freien, globalen Marktes. Und: Es es ist diese seit mehr als zwei Jahrzehnten dominierende kapitalistische Ökonomie, die sich selbst gegen die vorstehend anskizzierten Grundsätze der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit richtet. Dieser offenkundige Widerspruch
wird auch in Regensburg rasch deutlich, wenn man sich das Charakteristische der Ära der neoliberalen Globalisierung vor Augen hält:
-Privatisierung des öffentlichen Eigentums
-Vernichtung von Arbeitsplätzen
-Abbau sozialer Standards und Ansprüche
-Verlängerung von Arbeitszeiten
-Mißachtung von Gefahren für die Gesundheit
-Einschränkung der demokratischen Partizipation
-Entrechtung der Menschen
-Zerstörung der Natur und der Biosphäre
Diese mit der "zu achtenden und zu schützenden Würde des Menschen" (vgl. Grundgesetz Art 1 Absatz 1 Satz 2) und den zu schützenden Lebensgrundlagen (vgl. Grundgesetz Art. 20 a) unvereinbare Wirtschaft wird daher auch Ökonomie der Enteignung genannt. "Die globale Enteignungsökonomie" (Christian Zeller (Hrsg.), Münster 2004) steht im Widerspruch zu den (inter)nationalen Geboten der nachhaltigen (Stadt)Entwicklung.
Ich erinnere daran: Der Grundzweck jeglicher gesellschaftlicher Herstellung bzw. Produktion
ist die Erhaltung der Gesellschaft durch Arbeit, liegt in der Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Erscheint dieser Grundzweck nicht auf den Kopf gestellt, wenn die Warenproduktion nicht mehr um der Menschen, sondern um des maximalen Profits willen (weltweit) Gesetz wird? Wenn die ständig zunehmende materielle und soziale Unsicherheit der Bürgerinnen und Bürger zur Regel wird? Und wenn in einer solchen Kultur der Angst die Ausgegrenzten und Überflüssigen sich in ihre vier Wände zurückziehen und ohnmächtig und teilnahmslos die Zerstöung der natürlichen Lebensgrundlagen und die Untergrabung ihres Wählerwillens geschehen lassen (Politik- und Politikerverdrossenheit)?
Verpflichtende Aufgabe (kommunaler) Politik muss es daher sein, das freie Agieren der Marktkräfte dort zu begrenzen, wo irreversible Schäden an Natur, Umwelt und Gesellschaft zu befürchten sind (Siehe nur
das 7-Häuser-Projekt am Unteren Wöhrd; Baugenehmigung im Fürstenschloss). Das heißt, nur
wenn es unserer Stadtgesellschaft gelingt, Ökologie, Ökonomie und Sozialkultur als untrennbar miteinander verbundenes komplexes System zu betrachten, erreichen wir eine nachhaltige gesellschaftliche Perspektive ( Die Zukunftsfähigkeit Regensburgs folgt daher nicht per se aus dem Bau von Brücken und Straßen; man muss deren negative Folgen für Menschen und Natur präventiv in Betracht ziehen und gemeinsam auf einer höheren Entwicklungsebene Win-Win-Win-Ergebnisse anstreben!)
Für mich ist daher ein Verständnis von Nachhaltigkeit konstitutiv, das der Ökonomie der Enteignung und Zerstörung eine integrative Politik nachhaltiger Entwicklung, die die Fortbildung demokratischer Partizipation mit einschließt, gemeinsam mit der Bürgerschaft entgegensetzt.
Auch die europäischen Staats- und Regierungschefs haben sich im März 2000 mit der unverzichtbaren Thematik der Nachhaligkeit beschäftigt. In der so genannten Lissabon-Strategie haben sie ein Programm verabschiedet, das zum Ziel hat, "die EU zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen". Die Hauptfelder dieses Programms sind ökologische, soziale und wirtschaftliche Erneuerung und Nachhaltigkeit. Ich meine: Diese Orientierung der Lissabon-Strategie weist in die richtige Richtung. Allein der viel gepriesene Königsweg der weiteren Deregulierung, Privatisierung und Enteignung führt in die Irre, in die Ausgrenzung von Aber-Millionen von Menschen.
Zukunftsweisend ist vielmehr:
Für die auch lokal umzusetzenden Projekte nachhaltiger Entwicklung ist ein integrativer und damit auch
re-regulierender Politikansatz denknotwendig. Nachhaltigkeitspolitik erfordert folglich die Wiedergewinnung des Primats der (lokalen) Politik gegenüber der Ökonomie.
So hat z.B. die Zunahme des Verkehrs um und in Regensburg auch mit der Just-in-time-Anlieferung von Waren unter Verzicht der Firmen auf eigene Lagerhallen zu tun. Wäre es nicht auch eine Frage der Eigenverantwortung, gewissenhaft zu prüfen, ob eine solche Strategie unter den bekannten Umständen noch als "Fortschritt" zu bezeichnen ist?
Muss die vielleicht zu rasche Forderung nach neuen Brücken und Straßen nicht überdacht werden, zumal wenn man die Vermeidung der negativen Auswirkungen auf Anlieger und Natur ernsthaft erwägt? Und gäbe es nicht intelligente alternative Lösungen, den unzumutbaren Durchgangsverkehr aus der Ambergerstraße herauszunehmen? Wie verantwortlich handeln daher Politik und Verwaltung, die solche wesentlichen Fragen allein im Hinblick auf eine finanzielle Förderquote von 80 % durch den Freistaat unbeantwortet lassen? Und wäre es nicht eine dankbare Aufgabe kritischer Medien, diese komplexen Zusammenhänge nachhaltiger Stadtentwicklung herauszuarbeiten, um mitzuhelfen, die ersichtlich unterschiedlichsten zutage getretenen Interessen der anliegenden Bürgerinnen und Bürger auf einer höheren Ebene konstruktiv zusammenzuführen und zu befrieden?
Bei der - nachhaltigen - Gestaltung unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse greifen keine einfachen Lösungen der Vergangenheit mehr. Etwa die Ansicht, eine neue Straße stünde per se für Prosperität. Hierfür sind unsere Lebensverhältnisse zu komplex geworden. Unverzichtbar ist das Wissen
und die Erfahrung der Bürger als Fachleute ihres Quartiers, deren bürgerschaftliches, dem Gemeinwohl verschriebenes Engagement es in transparenter und verbindlicher Weise vorab einzubinden gilt.
In dieser krisenhaften Umbruchszeit, in der wir spürbar leben, sind Innovationen der Schlüssel zum Überleben. Im Wettbewerb der Städte und Regionen wäre es jedoch verfehlt, die eigene Wettbewerbsfähigkeit nur auf technische Neuerungen zu stützen. Der integrative Politikansatz nachhaltiger Stadtentwicklung verlangt und verbindet zugleich wissenschaftlich-technische, soziale und Prozessinnovationen. Mit anderen Worten: Erfolgreiche Innovation verlangt einen integrativen Ansatz und bedarf der Teilhabe und Partizipation - das gilt für Verwaltung und Politik, in der Wirtschaft und in zivilgesellschaftlichen Institutionen und bürgerschaftlichen Initiativen.
Bemerkenswert ist Folgendes: War es früher einmal der "Standortfaktor", der Besucher, Gründer und Investoren anzog, so spricht man heute vom "sozialen Kapital" einer Stadt, das anziehend wirkt. Gemeint ist z.B. die Kooperatonswilligkeit und - fähigkeit ihrer Akteure. Diese Bedeutungsverschiebung hin zu den sozialen Fähigkeiten der Menschen zeigt auch in der Wirtschaft einen entscheidenden Entwicklungspfad auf: Erfolgreich und zukunftsbeständig wird und bleibt eine Stadt wie Regensburg nur durch und mit und für den Menschen. Eine nachhaltige Bürgerkommune eben.
IV. Politische Kultur der Fairness
Nicht Spaltung ist das A und O. Es ist das menschliche Miteinander, das auch konstruktiven Streit um
die beste aller - nachhaltigen - Lösungen (von komplexen Entwicklungsaufgaben) aushält und in eine gelingende Kooperation münden lässt.
Nachhaltigkeit ist ein kompassgesteuerter (Such- und Lern)Prozess, der auf Langfristigkeit, Integration und Subsidiarität basiert und sich dabei insbesondere der Information, Transparenz, Bildung, Partizipation, Qualitätsziele, Planung, des Monitoring und der Evaluation bedient. Dieser Prozess ist schwierig und komplex.
Eine nachhaltige Stadtentwicklung liefert keine einfachen, schnellen und fertigen Lösungen auf vielschichtige, kollisionsgeprägte Abwägungs- und Entscheidungsprobleme (z.B. Sallerner Regenbrücke), wohl aber einen Rahmen, eine Perspektive für die Problemdefinition und -analyse, die Interessenenbalancierung und die Lösungsbewertung. Vom Leitbild zur effektiven Umsetzung ist es dabei noch ein weiter Weg.
Von daher kann autoritäres Führungsverhalten nicht zielführend sein. Aufgrund seines prozessualen Charakters ist dem Konzept der Nachhaltigen Entwicklung die autoritative Verordnung "von oben" fremd. Sie muss vielmehr in einem konsensorientierten Dialog zwischen staatlichen und gesellschaftlichen Akteuren - im Wege bürgerschaftlicher Partizipation - gefunden werden.
Regensburg, das sich gern "Stadt des Dialoges" nennt, ist davon noch weit entfernt. Zeitgemäß und stimmig mit den Anforderungen einer Nachhaltigen Entwicklung ist ein personenorientiertes Führungsverhalten (Globe-Studie). Sie verlangen langfristiges Denken und Handeln. Dafür reicht es
eben nicht aus, dass Mitarbeiter/innen, Bürger, Vereinsmitglieder etc. Leistung abdrücken. Nein, ihr Engagement, ihr Wissen und ihre Erfahrung müssen sich in einer human gestalteten Umgebung selbst entwickeln können; dann entstehen Zufriedenheit und Courage und darauf aufbauend (soziale) Innovationen.(So ist die Überwindung des Mangelns an Kooperationswilligkeit und -fähigkeit eine entscheidende Basis-Innovation für das 21. Jahrhundert - vgl. Entwicklungszyklen nach Kondratieff.)
Von daher ist mehr denn je ein Führungs- und Managementstil gefragt, der nicht länger das fehlerintensive Selber-Machen proklamiert. Es kommt auf das Lassen an: Auf das Zulassen, Einlassen.
Soziale Führungskompetenz zeigt, wer engagiertes Hinhören praktiziert, um aus dem In- und Output
der vielen Stimmen die Chancen und sich abzeichnenden dauerhaften Strukturen einer gelingenden Entwicklungsmelodie herauszufiltern.
In diesem Sinne braucht Regensburg gerade in der Politikgestaltung neue Führungspersönlichkeiten mit hoher sozialer Kompetenz: Sie motivieren, sind teamfähig, tolerant und und einfühlsam, bereit, aus Fehlern zu lernen, sie praktizieren Offenheit und Fairness.
Das sind die Bausteine einer guten lokalen Regierung (good local governance). Ihre Kennzeichen
sind eine auf ein stringentes Management von Nachhaltigkeit zielende Ausrichtung sowie die Anerkennung des Prinzips Verantwortung (Hans Jonas) gegenüber zukünftigen Generationen und dem Lebenssystem Erde. Die Klimakrise stellt uns vor eine große gemeinsame Aufgabe, die Generationen verbindet. Wir müssen diese "epochale, moralische und spirituelle Herausforderung annehmen"(Al Gore).
Kleinlichen politischen Zank gilt es beiseitezuschieben.
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