Krisenkaskade


Im Angesicht der Katastrophe
Der nahende Zusammenbruch des Erdsystems und die sozial-ökologische Transformation
von Sighard Neckel
Blaetter.de

Zitat:

Transformation als die demokratische Alternative

Sowohl der Schutz vor Pandemien als auch die Begrenzung der Erderwärmung bedürfen daher einer weiteren Alternative. Notwendig sind ein grundlegender Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft und eine Veränderung unserer Naturverhältnisse, sollen bei Pandemien wie Covid-19 und ebenso in der Klimakrise nicht Gesundheit und Nachhaltigkeit als auch die Demokratie auf der Strecke bleiben. Notwendig ist mit anderen Worten eine fundamentale Transformation, von der sowohl die Bekämpfung von Pandemien als auch die Begrenzung der Erderwärmung profitieren würde. Seine gemeinsamen Bezugspunkte hätte der alternative Entwicklungspfad der Transformation im Ausbau kollektiver Güter und Infrastrukturen bei gleichzeitiger De-Kommodifizierung von Ökonomie, Natur und Daseinsvorsorge. Beides wäre notwendig, um die wirtschaftliche Entwicklung, die Funktionsweise unserer Infrastrukturen und die Formen der Lebensführung in Arbeit, Mobilität und Konsum zugleich am Gemeinwohl wie an der Erhaltung der planetaren Lebensgrundlagen orientieren zu können.

Dekarbonisierung und der Erhalt der Biodiversität sind Ziele, die sowohl dem Klimaschutz als auch der Abwehr weltweiter Gesundheitskrisen dienen. Hierzu tragen auch gewisse Formen der De-Globalisierung bei, um die unendliche wachsende und ressourcenvernichtende Zirkulation von Geld, Gütern und Menschen abbremsen zu können. Um den Raubbau an der Natur, aber auch die Erschöpfung menschlicher Gestaltungskräfte zu stoppen, bedarf es in Arbeit, Wirtschaft und Konsum der Suffizienz, also Obergrenzen in der Nachfrage nach Gütern und eines sozial-ökologisch verträglichen Maßes in der Verausgabung von Ressourcen und Kräften. Gesellschaftlich wird dies nur möglich sein durch eine Umverteilung von Einkommen, Besteuerung und Gewinnen, da ansonsten breite Bevölkerungsschichten die Kosten eines ökologischen Umbaus tragen müssen und sie in die Gegnerschaft gesellschaftlicher Transformationen hineingetrieben werden. All dies dient dem Ziel, die gesellschaftlichen Naturverhältnisse in einer nachhaltigen Weise zu organisieren, so dass der Stoffwechsel, in dem sich menschliche Gesellschaften mit dem Erdsystem befinden, nicht mehr zur Verheerung von beidem führt. Die beunruhigende Frage ist allerdings, ob uns die Katastrophenzeit des 21. Jahrhunderts für die Wirksamkeit solch fundamentaler Transformationen überhaupt noch ausreichend Zeit lässt. Darauf gibt es keine abstrakte Antwort, sondern nur eine, die das praktische Handeln der Menschen geben kann: entschlossen dafür zu streiten, dass für gesellschaftlichen Wohlstand nicht mehr länger der Preis einer irreversiblen Naturzerstörung zu zahlen ist.

Sighard Neckel, geb. 1956 in Gifhorn, Soziologe, Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel an der Universität Hamburg.

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